Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Mittwoch, 13. Juli 2016

Etwas ging. Von der Weide aus.



Was dort ging, war ein Gehen, das ich nicht kannte. In dieser Form war es mir noch nicht begegnet. Und so dauerte es auch eine ganze Weile, bis ich überhaupt sah, dass es ein Gehen war. Und dieses Gehen ging. Von der Weide aus. Die Bewegung verlief in Strahlen. Und ging. Von der Weide aus. In alle Richtungen. Wie ein Kranz. Und dieses Gehen war ein Gang. Ein Gang, der sich über der Erde aufbaute. Der Boden war Boden. Der Boden war Erde. Die Erde war Erde. Die Erde. Und rechts und links gab es --- es waren im Grunde Fließbänder. Seitlich gekippt. Bänder, die sich nicht parallel zum Boden bewegten. Sondern in einem 90 Grad Winkel. Die linke Wand des Gangs war ein Band. Die rechte Wand des Gangs war ein Band. Und auch die Gangdecke war ein Fließband. Und ich ging durch den Gang. Langsam. Dann schneller. Und ich variierte mein Tempo. Und die Fließbänder stimmten sich ein. Und ab. Und so waren wir immer gleichauf. Und es floss. Auf den Bändern. Über mir. Rechts von mir. Links von mir. Und ich konnte gar nicht genau sehen, was da eigentlich floss. Auf den Bändern. Ich sah nur, dass es etwas Fließendes war. Und es war immer gleichauf. Mit mir. Und nachdem ich lange Zeit diesem Gang gefolgt war und auch kein Ende in Sicht war, beschloss ich, zurückzugehen. Zum Ausgang. Zum Ausgang des Ganzen. Dorthin, von wo alles ausging. Das war die Weide. Und auch die Bänder änderten ihre Richtung. Und flossen. Zurück. Wieder gleichauf. Und alles ging jetzt sehr schnell. Es war irgendeine Art von Beschleunigung da, die mich innerhalb kürzester Zeit zu der Weide zurückbrachte. Und für einen Moment dachte ich, dort gar nicht mehr anzukommen. Gar nicht mehr anzukommen als die. Als die, die ich vorher war. Denn ich vermutete, zerflossen zu sein. Unterwegs. Weil alles so schnell ging. Auf meinem Weg. Zurück. Aber als ich an der Weide stand, setzte sich alles. Setzte ich mich wieder. Zusammen. Und ich nahm einen anderen Gang. Und zunächst wiederholte sich alles: Da waren wieder die Fließbänder. Rechts. Links. Und über mir. Der Boden. Die Erde. Das gleiche Tempo. Das Gleichaufsein. Mit den Bändern. Das Fließende. Und auch die schnelle, die sehr schnelle Geschwindigkeit. Zurück. Und wieder dieses Gefühl des Zerfließens. Des Zerflossenseins. Dann die Erleichterung darüber, wieder in der eigenen, in der alten Form angekommen zu sein. Ich wiederholte das noch einige Male. Ich ging durch viele Gänge. Und kehrte immer zur Weide zurück. Dann sah ich, dass die Weide zerflossen war. Wie ein Gebilde aus Eis. Auf dem Boden hatte sich etwas Flüssiges gesammelt. Und ich dachte an Weidenwasser. Das war jetzt ein Ort. Und als ich mich weiter umschaute, sah ich, dass auch die Rotbuche zerflossen war. Und da war auch Rotbuchenwasser. Auf dem Boden. Und auch das war jetzt ein Ort. Und das gleiche geschah mit der Kastanie. Und auch mit der Tanne. Der Tannensee. War ein Ort. Und der Kastaniensee. War ein Ort. Der Birkensee. Ebenso. Als ich diese fünf Orte näher betrachtete, kamen sie mir ihrer Form nach bekannt vor. Ich überlegte. Es waren die fünf Kontinente. Die ich hier vor mir hatte. Und ich stand jetzt an einem Nadelöhr. An der Beringstraße. Und sprang hinüber. In die Wälder. Alaskas. Lief dann weiter. In südliche Richtung. Und Sturmvögel begleiteten mich. Nach Feuerland.

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