Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Montag, 6. Juli 2020

Neusonne


Nachts bleibt das Dunkle aus.
Und die Augen arbeiten jetzt immer.
Sie sehen anders –
und wähnen sich in den Tiefen eines Sees,
wo sie auf andere Augen treffen.

Hier unten spricht man eine rumorende Sprache.
Nur ein einziges Wort kommt den Augen bekannt vor - und es klingt wie Fenster – ein wenig wühlender vielleicht.

Das Wort könnte eine Nachricht sein.

So begeben sie sich auf den sandigen Grund des Sees, um alles näher in Augenschein zu nehmen.
Und tatsächlich reicht von hier eine Leiter bis hoch hinauf zu einem großen Fenster.

Die Augen sehen hinaus –
und oben fährt gerade etwas Strahlendes durchs Schilf und zerteilt die Wasserfläche.
Seine Farbe erinnert an das Rot des Mohns –
und es gebiert fortwährend Sonnen.

Das ist das neue Hell der Nächte,
sagen die Augen,
deren Zukunft im Dunklen liegt.

Mittwoch, 1. Juli 2020

Kaspar Hauser Reloaded – Bild in 10 Tafeln


1
Ich gehe direkt auf das Bild zu und rufe die Nummer an. Es klingelt sehr laut, sodass es alle hören können – die Menschen im Bild und auch die davor. Nach dem fünften Klingeln wird es unruhig im Bild. Schließlich greift jemand nach seinem Telefon. Es ist der Mann mit der Brille –  ganz rechts im Bild. Er meldet sich mit seinem Namen. Ich lege auf.

2
Ich bin in etwas hineingeraten –  wie wir alle hier. Wir leben zu acht in diesem Bild. Mein Name ist JP. Und neulich war da diese Frau, die mich auf der Straße ansprach und mir von ihrem Projekt erzählte. Sie wollte eine Gruppe in Szene setzen – wie auf einem Gemälde flämischer Meister. Wir improvisierten, saßen an einer gedeckten Tafel, aßen Fasan und Trauben, tranken schweren Wein und sprachen. Ihr Team filmte. Daraus entstand das Bild, eine Animation, in der ich mich noch immer befinde.

3
Am Ende des ersten Drehtags ging ich zu Fuß zu meiner Wohnung zurück. Doch das Haus war nicht mehr da. Auch in den umliegenden Gebäuden fand ich kein Klingelschild mit meinem Namen. Und die Nachbarn, die ich ansprach, kannten mich nicht.

4
Ich habe mir seinen Namen gemerkt, als ich die Nummer wählte und er meinen Anruf entgegennahm. Er meldete sich mit JP. Das ist der Mann mit der Brille. Die Suchmaschinen liefern drei relevante Treffer. Also werde ich mir JP#1, JP#2 und JP#3 näher anschauen.

5
JP#1, der bei fast jeder Namensnennung betont, dass dies nicht sein richtiger Name sei, sondern Kaspar Hauser Reloaded, wuchs an den Ufern des Großen Sees auf. Seine Eltern waren Anhänger einer kleinen Glaubensgemeinschaft und hatten ein Schweigegelübde abgelegt. Sie verständigten sich ausschließlich per Handzeichen - Zeichen, die sie JP jedoch nicht beibrachten.

6
JP#2, geboren in Chicago, ist ein Sprengstoffentschärfungsexperte. Er wurde bei einem Einsatz in einer Chemiefabrik schwer verletzt und hat seitdem ein künstliches Bein. Zurzeit bildet er die Bombenräumkommandos des New York Police Departments aus und unterrichtet an einer Marineschule. In seiner Freizeit gärtnert er gern und schaut mit Begeisterung die Serie Fatman.

7
JP#3 ist Professor und unterrichtet an einem College in Utah. Er forscht vornehmlich zu Hegel und Marx und hat zwölf Bücher publiziert. Sein besonderes Steckenpferd ist die Utopieforschung. Er lebt sehr zurückgezogen und nutzt kaum technisches Gerät. Sein Statement „Ich kann in Ihrem Mac kein utopisches Potenzial erkennen.“, ist auf dem Campus ein geflügeltes Wort.

8
JP#2 und JP#3 können nicht der Mann sein, der meinen Anruf entgegennahm. Sie fallen raus – schon aus Altersgründen. Bei JP#1 bin ich mir nicht sicher. Ich werde morgen wieder in die Galerie gehen, mich vor das Bild stellen und ihn dann anrufen.

9
Wenn er den Anruf entgegennimmt, werde ich ihn mit Kaspar Hauser Reloaded ansprechen und einfach schauen, wie er reagiert.

10
Die Frau ganz links im Bild hat mich angerufen. Ich habe gar nichts gesagt und direkt wieder aufgelegt.

Montag, 29. Juni 2020

Public Shelter


Die Hochhäuser werden Wellenbrecher sein.
Irgendwo. Irgendwann.

Jetzt verlaufen Fluchtwege dazwischen.
Sie führen alle zum Tor unten am Kanal.

Es ist grün.
Und unsere Hoffnung ist, dass es geschlossen bleibt.

Aber wir fliehen wieder auf diesen Wegen –
vorbei an beleuchteten Fenstern.
Wir rennen über Holzstufen mit Eisenbeschlägen –
und ich weiß, dass da gleich das Tor ist.

Sie sind schon da.

Sie kommen von allen Seiten.
Ihre Elektroroller sind vollkommen lautlos.

Silent.
Silence encourages the tormentor, never the tormented.

Sie umkreisen uns mit Blicken, sie umgarnen uns und werfen ihre Netze aus.
Sie sind eine Einheit aus Crew, Operator und Effektgeräten.

Ihr Soundsystem trifft uns.

Dann ziehen sie sich zurück.
Sie sammeln sich an der Südseite –
dort, wo sich der Wind fängt.

Wir kehren zurück in unsere Häuser.
Unser Atem ist flach.
Wir kommen nicht zur Ruhe in unseren Zimmern.

Und aus den Lüftungsschächten strömen bis zum Abend die Aromen einer unbekannten Pflanze.

Freitag, 19. Juni 2020

Kunstlicht


Vom Wasserturm aus lese ich die Äste rückwärts.
Sie kleiden sich in Rotbuchen.
Und ich sehe,
wie sich auf ihren Blättern etwas abzeichnet:

Zunächst sind da Gräser, dann ein Wald, ein Pfad –
schließlich ein Sendemast, der ganz frei steht.

Jemand läuft über die Lichtung.

Und nach dem Schnittmuster der Sonne
entsteht diese Fotografie.