Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Freitag, 3. April 2020

Stadtbild


Man lebt jetzt im Innern der Maschinen.

Schaut man hinaus, fällt der Blick auf eine Lichtung.

Dort sind Spuren zu sehen.

Sie könnten von den Maschinen stammen -

und führen hinüber zu den vorgelagerten Inseln.

Der Form nach ähneln sie einem Trapez.

Hier herrscht immer Wind,

und alles zerstreut sich -

auch das Mauerwerk der einstigen Häuser.

Es haben sich Gassen aus Staub gebildet.

Dazwischen verlaufen die letzten Leitungen.

Auch in ihnen strömt jetzt der Wind.

Und sogar die Vögel der Inseln folgen diesem Strom -

geleitet von der Sehnsucht nach einem Außen.

Mittwoch, 1. April 2020

Ballhaus


Man bewegt sich jetzt frei in den Wellen der Wälder,

wo man auch Zimmer hat.

Dort träumt man sich in den Sound hinein,

der von ihnen ausgeht.

In Bodennähe spielt man mit gelben Narzissen,

die hier ganz kalt sind -

und schreibt ihnen Klänge zu.

Sie sind hörbar bis in die Wipfel der Bäume.

Dort oben lauschen die Vögel jetzt still ihren Gedanken.

Und das, was sie währenddessen tragen,

erinnert an Kopfhörer.

Dienstag, 31. März 2020

Nachtgewächs


Der Tag liegt im Halbschatten.

Und wir gehen durch die Wände der Häuser,

um zu den Sandbänken zu gelangen.

Dieser Weg erscheint uns näher,

als durch das Eis der Fenster zu steigen.

Viele tragen jetzt durchsichtige Flügel.

Und mit ihren Mündern kauen sie den Sand,

der vom Gang dieses Tages erzählt.

Er wächst in die Nacht (wie immer).

Und sie wird sandig sein.

Sonntag, 29. März 2020

Lautlos


Nicht weit von hier wandelt man jetzt in einem Flussbett.
Es hat Fenster -
und der Blick fällt auf essende Gräser.
Geht man weiter,
so kommt man in das Innere der Pflanzen.
Sie reichen bis an die Küsten.
Und wachsen schon bald darüber hinaus -
bis weit über die Ränder der Welt.
Irgendwo dort erwacht man -
auf Fellen liegend und mit Federn geschmückt.
Eine Sonne scheint jetzt ferner -
die nächsten Körper auch.

Donnerstag, 26. März 2020

Zurück in der Stadt


Man hat mir etwas in meinen Blick geflochten.

Es könnten Pflanzen sein - oder Streifen von Fell.

Ich schaue nach draußen.

Alles erscheint nun heller.

Vielleicht sind das Leuchtmittel.

Meine Gedanken strömen in Auge und Ohr.

Es ist sehr laut hier. Laut und hell.

Das Sehen schmerzt. Das Hören auch.

Irgendwann legt mein Blick ein Bekenntnis ab.

Er hat gesehen, was kommt.

Dienstag, 24. März 2020

Sphäre



Der Himmel ist jetzt ein Relief.
Ich sehe länger dorthin.
Es ist aus Augen gemacht.
Dazwischen verlaufen Straßen.
Sie sind leer und glänzen.
Ich wandere darauf.
Nach einer Weile blicke ich mich um.
Meine Spuren formen ein Gesicht.
Es ähnelt irgendwem -
aber die Erinnerung fehlt.
Dann erreiche ich eine Station.
Sie gleicht einem Uhrwerk.
Von hier nimmt die Zeit ihren Ausgang.
Ich gehe weiter und durchquere das Grün einer Stadt.
Jetzt begleiten mich die Stimmen von Tieren.
Sie erzählen von einem Geheimnis -
und auf einer Anhöhe stoße ich dann an die Haut des Himmels.

Donnerstag, 12. März 2020

Lichtung V


Der Himmel fließt -

bis in meine Augen hinein.

Er hat sich weiß gekleidet und kommt tönend herab.

Es sind die Laute eines Tieres, die er macht.

Das Tier denkt.

In meinen Augen sind jetzt Fabriken.

Und es gibt viele Brände ringsum.

Schon fahre ich stadtauswärts.

Meine Zunge macht jetzt auch diese Laute.

Irgendwann erreiche ich die Küste -

und gelange von dort auf eine Bohrinsel.

Seitdem lebt die Schönheit in meinen Augen -

umspielt von Wasser.

Donnerstag, 27. Februar 2020

Hohlraum


Das Gebirge ist heute eine ebenerdige Landschaft.

Man hat die ganze Fläche mit Bändern abgesteckt.

Ich bewege mich frei in dieser Zone.

Dann stoße ich auf etwas, das mich an ein Spielbrett erinnert.

Alle Felder darauf sind weiß.

Und bei genauerem Hinschauen erkenne ich ein Gesicht darin.

Es ähnelt dem einer kürzlich vergangenen Welt.

An dem Abend, an dem sie ging, brachen alle Verbindungen ab.

Und es entstand ein Muster, das der Zahl 0 glich -

ein offenes Feld.

Dann tat sich ein Massiv auf,

das fortan den Freigang in nur noch eine Richtung erlaubte.

Hier ist die Erde schwarz.

Und man lebt jetzt unter Meteoriten.




Dienstag, 4. Februar 2020

Gedanke


Man schwimmt jetzt zum Leuchtturm.

Seitdem seine Lichter erloschen sind,

haust hier der Schlaf.

Er herrscht über alle Sonnen, Monde und das Wasser ringsum.

Alles spricht seine Sprache.

Es ist die Sprache des Schlafs.

Sie ist geordnet und klar.

Das einstige Durcheinander dieser Landschaft ist dem Schlaf gewichen.

Er kennt keinen Zufall.

(selbst die Behauptung, hier schliefe niemand, ist keiner)

Dieser Schlaf sagt von sich selbst, ein Stück Holz zu sein, das sich selbst schnitzt ---

Treibgut jetzt – vor dem schlafenden Turm.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Leitungen


Da ist etwas.
Ich lausche.
Es kommt aus dem Haar.
Jetzt sehe ich auch etwas.
Es ist ein Film, der dort läuft -
inmitten des Haars.
Schon bin ich in einer zerklüfteten Landschaft.
Mir begegnen Menschen, die Uhren tragen -
große und schwere.
Die Menschen rufen mir etwas zu.
Ich verstehe sie nicht.
Doch dann bleibt jemand stehen.
Er trägt eine barocke Uhr und sieht mich an.
„Das ist eine Erzählung.“, sagt er.
Sein Gesicht nimmt den Ausdruck der Uhr an.
Ich gehe weiter.
Mich zieht es zu den Bergen hin,
die ich in einiger Entfernung erblicke.
Und während ich mich ihnen nähere, erkenne ich,
dass jeder einzelne eine Inschrift trägt.
Es sind Linien.
Um sie zu entziffern, muss ich direkt vor ihnen stehen.
Und tatsächlich:
„Das Haar ist ein Gebirge.“, lese ich.
Und dann beginnt es zu regnen.

Donnerstag, 16. Januar 2020

Freispiel


Es erschien mir sprechend.

Ich war auf der Ebene unterwegs,

als ich das Spielbrett sah.

Man hatte es zwischen zwei Fichten aufgebaut.

Ich trat näher heran – und es erwiderte meinen Blick.

Es gab schwarze und weiße Felder.

In der Mitte des Bretts war eine Tür.

An ihren Kanten erschien sie mir fransig -

vielleicht waren es Gebrauchsspuren.

Als ich die Tür öffnete, war dahinter alles weiß.

Ich ging weiter.

In der Ferne blinkte rote Schrift.

Und auch auf meiner Haut leuchteten Buchstaben.

Überall stand jetzt dieses Wort.

Meine Augen weiteten sich zu Feldern.

Plötzlich war es windstill.

Meine Augen nahmen ab,

bis die Felder nur noch Linien waren.

Und dann trat es ein.

Donnerstag, 9. Januar 2020

Ausgestorbene Stadt


Wir wohnen in Bergwerken und haben uns Kammern in die Stollen geschlagen.

Es gibt sogar Pflanzen.

Sie wachsen im Kunstlicht und sind von blassgrüner Farbe.

Auf Bildschirmen betrachten wir, was draußen geschieht.

Zwischen unseren einstigen Häusern verlaufen jetzt Sandstraßen.

Gläsern liegt die Stadt im gleißenden Licht.

Die Sonne scheint jetzt immer.

Es gibt keine Nacht mehr.

Wir sind über Schaltkreise miteinander verbunden -

und haben auch Maschinen dazwischengeschaltet (oder sie sich).

Die Dächer unserer Behausungen sind mit Spiegeln abgedeckt.

So trifft die Strahlung jetzt jene Gebiete, wo einst Wälder waren.

Hier unten verläuft unser Leben im Kreis:

Etwas geht. Etwas kommt. Etwas geht wieder.

Auch unsere Stimmen sind anders geworden.

Sie klingen wie Farn.

Und ihnen ist eine Sehnsucht eingeschrieben,

die nur wir lesen können.