Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Dienstag, 4. Februar 2020

Gedanke


Man schwimmt jetzt zum Leuchtturm.

Seitdem seine Lichter erloschen sind,

haust hier der Schlaf.

Er herrscht über alle Sonnen, Monde und das Wasser ringsum.

Alles spricht seine Sprache.

Es ist die Sprache des Schlafs.

Sie ist geordnet und klar.

Das einstige Durcheinander dieser Landschaft ist dem Schlaf gewichen.

Er kennt keinen Zufall.

(selbst die Behauptung, hier schliefe niemand, ist keiner)

Dieser Schlaf sagt von sich selbst, ein Stück Holz zu sein, das sich selbst schnitzt ---

Treibgut jetzt – vor dem schlafenden Turm.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Leitungen


Da ist etwas.
Ich lausche.
Es kommt aus dem Haar.
Jetzt sehe ich auch etwas.
Es ist ein Film, der dort läuft -
inmitten des Haars.
Schon bin ich in einer zerklüfteten Landschaft.
Mir begegnen Menschen, die Uhren tragen -
große und schwere.
Die Menschen rufen mir etwas zu.
Ich verstehe sie nicht.
Doch dann bleibt jemand stehen.
Er trägt eine barocke Uhr und sieht mich an.
„Das ist eine Erzählung.“, sagt er.
Sein Gesicht nimmt den Ausdruck der Uhr an.
Ich gehe weiter.
Mich zieht es zu den Bergen hin,
die ich in einiger Entfernung erblicke.
Und während ich mich ihnen nähere, erkenne ich,
dass jeder einzelne eine Inschrift trägt.
Es sind Linien.
Um sie zu entziffern, muss ich direkt vor ihnen stehen.
Und tatsächlich:
„Das Haar ist ein Gebirge.“, lese ich.
Und dann beginnt es zu regnen.

Donnerstag, 16. Januar 2020

Freispiel


Es erschien mir sprechend.

Ich war auf der Ebene unterwegs,

als ich das Spielbrett sah.

Man hatte es zwischen zwei Fichten aufgebaut.

Ich trat näher heran – und es erwiderte meinen Blick.

Es gab schwarze und weiße Felder.

In der Mitte des Bretts war eine Tür.

An ihren Kanten erschien sie mir fransig -

vielleicht waren es Gebrauchsspuren.

Als ich die Tür öffnete, war dahinter alles weiß.

Ich ging weiter.

In der Ferne blinkte rote Schrift.

Und auch auf meiner Haut leuchteten Buchstaben.

Überall stand jetzt dieses Wort.

Meine Augen weiteten sich zu Feldern.

Plötzlich war es windstill.

Meine Augen nahmen ab,

bis die Felder nur noch Linien waren.

Und dann trat es ein.

Donnerstag, 9. Januar 2020

Ausgestorbene Stadt


Wir wohnen in Bergwerken und haben uns Kammern in die Stollen geschlagen.

Es gibt sogar Pflanzen.

Sie wachsen im Kunstlicht und sind von blassgrüner Farbe.

Auf Bildschirmen betrachten wir, was draußen geschieht.

Zwischen unseren einstigen Häusern verlaufen jetzt Sandstraßen.

Gläsern liegt die Stadt im gleißenden Licht.

Die Sonne scheint jetzt immer.

Es gibt keine Nacht mehr.

Wir sind über Schaltkreise miteinander verbunden -

und haben auch Maschinen dazwischengeschaltet (oder sie sich).

Die Dächer unserer Behausungen sind mit Spiegeln abgedeckt.

So trifft die Strahlung jetzt jene Gebiete, wo einst Wälder waren.

Hier unten verläuft unser Leben im Kreis:

Etwas geht. Etwas kommt. Etwas geht wieder.

Auch unsere Stimmen sind anders geworden.

Sie klingen wie Farn.

Und ihnen ist eine Sehnsucht eingeschrieben,

die nur wir lesen können.