Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Samstag, 14. Februar 2026

Notizen. 9. Januar

 

Hinter einer Milchglasscheibe der stoßende Atem eines Tieres (wenig später quillt unter der Tür graues Fell hervor). Ich rede ihm zu. Aber es ändert nichts. Jetzt sind es schon zwei.

      Ich bin in einem Raum mit unzähligen Tischen. Einige gefallen mir. Aber ohne einen Stuhl schaue ich nur von oben auf sie herab. Ich lasse meine Fingerkuppen über ihr öliges Holz gleiten, das gerade nicht weiß, was es sein will.

      Der Schnee in diesem Garten liegt geschichtet. Dazwischen Luftpolsterfolie für die ungeborenen Narzissen, die irgendwo im Erdreich warten.


Notizen. 8. Januar

 

Ich bin auf meinem Spaziergang durch das neue Viertel an einem Schacht vorbeigekommen, in dem Menschen schliefen. Vielleicht leben sie auch dort. Irgendetwas scheint zu verhindern, dass sie an die Oberfläche kommen. Möglicherweise ist es die Oberfläche selbst, die das tut.

      Mich sorgen die Fische im Teich. Er ist zugefroren. Was darunter ist, weiß ich nicht. Jedenfalls bewegt sich nichts. Ich glaube, der Teich ist zum Abschluss gekommen. Vielleicht hat es die Fische längst an einen anderen Ort gezogen, durch ein unterirdisches System, das nicht einmal die Fische kennen, um von dort aus in etwas Darunterliegendes zu gelangen, das gerade meinen Fuß berührt.

      Heute habe ich versucht, die ersten Minuten einer Serie zu schauen. Es ging um ein unpigmentiertes Model, das in eine abgelegene Kleinstadt kommt. Ich bin unruhig geworden und aus dem Zimmer gegangen. Vielleicht lief sie weiter.

Freitag, 13. Februar 2026

Notizen. 07. Januar

 

In der Bahn höre ich, wie jemand von einem Tier erzählt, dessen Augen aus Kirschkernen sind. Am Abend sehe ich in den Spiegel und weiß, wovon er sprach.

Es passiert mir selten, in eine Ausstellung zu gehen, in der ich mich an nichts festsehe. Mein Besuch ist vielleicht zwölf Stunden her. Einige Bilder stellen sich ein, aber mein Blick gleitet an ihnen ab wie an einer eisigen Wand. Sie mir bläulich vorzustellen, heitert mich auf.

Jemand geht einen Gang auf und ab. Dieser verbindet ein Blumengeschäft mit einem karamellfarbenen Café. Man trägt Anemonen und Kaffee in schwarzen Tassen von Raum zu Raum – vielleicht ohne zu wissen, wie das eine ohne das andere geht und wo sich ihr Duft heute verfängt.

Notizen. 06. Januar

 

Heute in einem Raum mit einer Bahnhofsuhr gewesen. Der Zeiger bewegte sich bis kurz vor die 40. Dann blieb er stehen. Ruckelte, zuckte, schüttelte sich. Und lief zurück. Das wiederholte er. Ein zögerlicher Zeiger, vielleicht aus Angst vor der Zeit.

      Auf der Rückfahrt in der engen Bahn der Atem der Anderen. Es roch nach Kaugummi, Zwiebeln, Bier. Und nach Krankheit. Ich suchte Platz. Dann ein blasser Junge mit eingeschweißten Päckchen auf dem Schoß, die man zu einem Quadrat zusammengefasst hatte. Er besah und befühlte alles. Es war Feuerwerk, gekauft in der ersten Woche des Jahres. Vielleicht hielt er sich es jetzt bis zum nächsten Winter.

Donnerstag, 12. Februar 2026

Notizen. 05. Januar

 

Der vereiste Weg und mein Ringen um Bodenhaftung erinnern mich daran, dass nur ich selbst mich vor dem Fall bewahren kann. Danach fällt mir das Gehen leichter. Im Bus betrachte ich eine Frau, aus deren schwarzem Haar sich etwas hindurchdrückt. Ein fleischfarbener Pfropfen, der vielleicht verhindert, dass etwas austritt. Sie küsst ihren hüfthohen Sohn, und mir kommt der Gedanke, dass sie von den Vorgängen in ihrem Haar gar nichts weiß.

Später in der schneeigen Siedlung blicke ich in die erleuchteten Fenster. Sehe Fernsehschirme, auf denen sich Bilder bewegen. Sehe, wie die hintereinandergeschalteten Bilder auftauchen und sogleich wieder verschwinden und bemerke, dass in keinem dieser Zimmer jemand ist. Und dann überkommt mich eine Ahnung: Die ganzen Menschen hier sind in ihren Geräten verschwunden und leben längst hinter den Bildern.