Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Donnerstag, 23. Januar 2020

Leitungen


Da ist etwas.
Ich lausche.
Es kommt aus dem Haar.
Jetzt sehe ich auch etwas.
Es ist ein Film, der dort läuft -
inmitten des Haars.
Schon bin ich in einer zerklüfteten Landschaft.
Mir begegnen Menschen, die Uhren tragen -
große und schwere.
Die Menschen rufen mir etwas zu.
Ich verstehe sie nicht.
Doch dann bleibt jemand stehen.
Er trägt eine barocke Uhr und sieht mich an.
„Das ist eine Erzählung.“, sagt er.
Sein Gesicht nimmt den Ausdruck der Uhr an.
Ich gehe weiter.
Mich zieht es zu den Bergen hin,
die ich in einiger Entfernung erblicke.
Und während ich mich ihnen nähere, erkenne ich,
dass jeder einzelne eine Inschrift trägt.
Es sind Linien.
Um sie zu entziffern, muss ich direkt vor ihnen stehen.
Und tatsächlich:
„Das Haar ist ein Gebirge.“, lese ich.
Und dann beginnt es zu regnen.

Donnerstag, 16. Januar 2020

Freispiel


Es erschien mir sprechend.

Ich war auf der Ebene unterwegs,

als ich das Spielbrett sah.

Man hatte es zwischen zwei Fichten aufgebaut.

Ich trat näher heran – und es erwiderte meinen Blick.

Es gab schwarze und weiße Felder.

In der Mitte des Bretts war eine Tür.

An ihren Kanten erschien sie mir fransig -

vielleicht waren es Gebrauchsspuren.

Als ich die Tür öffnete, war dahinter alles weiß.

Ich ging weiter.

In der Ferne blinkte rote Schrift.

Und auch auf meiner Haut leuchteten Buchstaben.

Überall stand jetzt dieses Wort.

Meine Augen weiteten sich zu Feldern.

Plötzlich war es windstill.

Meine Augen nahmen ab,

bis die Felder nur noch Linien waren.

Und dann trat es ein.

Donnerstag, 9. Januar 2020

Ausgestorbene Stadt


Wir wohnen in Bergwerken und haben uns Kammern in die Stollen geschlagen.

Es gibt sogar Pflanzen.

Sie wachsen im Kunstlicht und sind von blassgrüner Farbe.

Auf Bildschirmen betrachten wir, was draußen geschieht.

Zwischen unseren einstigen Häusern verlaufen jetzt Sandstraßen.

Gläsern liegt die Stadt im gleißenden Licht.

Die Sonne scheint jetzt immer.

Es gibt keine Nacht mehr.

Wir sind über Schaltkreise miteinander verbunden -

und haben auch Maschinen dazwischengeschaltet (oder sie sich).

Die Dächer unserer Behausungen sind mit Spiegeln abgedeckt.

So trifft die Strahlung jetzt jene Gebiete, wo einst Wälder waren.

Hier unten verläuft unser Leben im Kreis:

Etwas geht. Etwas kommt. Etwas geht wieder.

Auch unsere Stimmen sind anders geworden.

Sie klingen wie Farn.

Und ihnen ist eine Sehnsucht eingeschrieben,

die nur wir lesen können.

Dienstag, 31. Dezember 2019

Hinter den Augen


Ich bewege mich durch eine Landschaft.

An den Hängen stehen Tiere.

Sie weisen mir die Richtung zum Hafen.

Es ist gut, dass sie da sind – verirre ich mich hier doch sonst immer und verpasse den Abzweig, der zum Hafen führt.

Ich war noch nie dort.

Der Weg hinunter ist aus rechteckigen Steinen gemacht.

Sie federn ein wenig, und es läuft sich leicht auf ihnen.

Die Straßen der Stadt (aus der ich komme) sind anders.

Und ich weiß nicht, wie viele Reisende sich von dort überhaupt zum Hafen aufmachen.

Rechts und links des Weges stehen Schwertlilien.

Sie sind sehr gerade gewachsen - und ich fühle mich beschützt von ihnen.

Vielleicht werde ich einmal jemand sein, der sich auskennt mit diesem Weg -

und darüber auch einige Sätze verliert.

Diese hier könnten leicht salzig sein – salzig und klar – da ich mich auf das Meer zubewege.

Jetzt, wo ich den Hafen sehe, schweige ich. Es ist still in mir. Feierlich still.

Dies ist ein Ort, der alle Bedenken zerstreut. Das Wasser nimmt sie mit – und schon verströmen sie zwischen den Steinen.

Montag, 23. Dezember 2019

Schlaf II


Im Ohr wütet etwas.

Außen leuchtet die Dezembernacht.

Irgendwo legt jemand ein Bekenntnis ab.

Es geht über in einen langen Regen, der währt, bis die Kreuzung erreicht ist.

Dort sind Spuren im Asphalt.

Sie erinnern an Leitungen, die hier einst verliefen.

Jetzt ist alles leer.

Jemand ruft die Zeitansage an – und geht dann hinüber zur Verkehrsinsel.

Betritt man sie, steht man in einer verschneiten Landschaft.

Unsere Gesichter sehen darin ganz kahl aus.

Und wir ziehen uns zurück in das Innere unserer Ohren.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Spaziergang


Ich atme Libellen in eisiger Luft.

Es ist Nacht.

Und irgendwo müssen hier die Weiher sein, von denen ich hörte.

Ihr Wasser ist salzig, sagt man. Sie sind Vorboten der See.

Hinter mir blinken die roten Lampen der Kühltürme.

Ich gehe weiter.

Um mich tobt jetzt ein Sturm.

Die Libellen sind immer noch da.

Sie halten sich auf der Höhe meines Kopfes.

Mein Gang wird schwerer.

Ich blicke an mir hinunter.

Ich habe Schneefüße.

Sie sind weiß und ein wenig unförmig - und werden mich dennoch bis ans Meer tragen.

Es wird gefroren sein – bis auf den Grund.

Ich werde mich drehen auf ihm – und die Leuchttürme ringsum zu Silos machen.

Es wird ein Summen aus ihnen zu hören sein, nachdem ich an einem stillgelegten Terminal im einstigen Hafen meine Fracht gelöscht habe.

Und bald schon wird sein Echo den Ort erreichen, von wo aus ich aufgebrochen bin.




Samstag, 7. Dezember 2019

Preview


Die Kammer ist weiß.

Und es gibt zahllose Hände in ihr.

Alle weisen nach Norden.

Dort sind die Wälder.

Die Hände sehnen sich nach dieser Landschaft.

Bei Sonnenaufgang werden sie das Fenster der Kammer öffnen.

Sie werden den Park durchqueren und sich mit den ersten Pflanzen vertraut machen – Birken und Farne.

Um diese Zeit ist es noch ganz still hier.

Einige Hände kehren jetzt um und gehen zurück zum Fenster.

Andere ziehen weiter zu den Wäldern.

Und auf ihrem Weg dorthin sind die Augen der Tiere auf sie gerichtet.

Ihr Blick zeigt schon etwas von der kommenden Landschaft,

an deren Rändern Bienen warten,

bis die ersten Hände Zweige ertasten.