Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Donnerstag, 13. September 2018

Wunder


Ich stehe vor einem Gemälde.
Darin scheint mir der Garten in der Mitte des Bildes
ein ruheloser Ort zu sein.
Es sind flackernde Neonlichter, die ihn dazu machen.
Die Lichtquelle könnte sich in den Bäumen befinden.
Ich betrachte sie länger und horche sie auch ab.
Schließlich bemerke ich, dass aus ihr etwas spricht.
(es könnte eine Sprache sein, derer sich der Traum bedient)

Ich stehe jetzt am Rande des Gartens und bin in Stoffe gewandet,
die man für meinen Besuch hier machte.
Die Kleider sind aus Geheimnissen (wie man mir sagte).
Und auch unter meinen Augenlidern trage ich Kostüme.
(sie sind aus einem ähnlichen Stoff gefertigt)
Der Blick, der darunter hervortritt, durchdringt alles – sogar Knochen und Haut.
Und er umhäkelt meine Erinnerung mit den Maschen der Zeit.

Einst stand ich bei den Windmühlen (sie befinden sich im linken Teil des Bildes) und beobachtete Farben. Das tat ich immer – zu jeder Stunde des Tages.
Nach Jahren des Schauens ging davon für meinen Mund ein Reiz aus.
Und er verlangte fortan nur noch Klares.

Montag, 10. September 2018

Passage (2)


Durch die Wände des Parks
gelange ich hinter die Stadt.

Dort lebt man ganz insular
und unter Netzen.
(sie dienen der Tarnung)

Alles klingt hier:
Landschaft, Zahlen und auch Insekten.

Auf einem Hochrad folge ich einer Spur
(sie besteht aus wachsenden Linien)
und passiere Moose und Tiere –
bis ich zu einem unterirdischen Bahnhof gelange.

Ich steige ab, um ihn länger zu betrachten –
und tausche ihn dann gegen etwas Fahrendes aus.

Freitag, 7. September 2018

Abendliches Spiel


Man hat mir das Wort erteilt.
Und ich schreibe Briefe an die Vögel,
die flussaufwärts in den Spiegeln wohnen.

Nach jedem Regen wächst dort draußen
der Vorausblick auf meinen Bericht.

Ich betrachte mich in den Spiegeln.
Heute bin ich in etwas Werdendes gekleidet.
(es ist weiß und flackert)

Dann umarme ich mein Haar –
und sticke mir ein Monogramm in meine Haut.

Und ich staune wieder, dass ich die Spiegel betrügen kann.

Donnerstag, 6. September 2018

Staunen


Als ein Mosaik aus Neuronen
an einer Schwelle stehen –
und einem Echo lauschen.

Es sind Vogellaute.

Ich gehe hinüber –
und befinde mich im Gefolge der Eulen.
Sie laden mich ein,
mit ihnen Gebiete zu erkunden –
jenseits des Trommelfells.

So fliegen wir vom Hochwald hinunter zum Meer.
Ich höre oxydierte Variationen von Unterwassermusik –
und sitze dann selbst an einer versteinerten Orgel.

Schon fällt Schnee, während ich spiele.
(er ist künstlich – das erkenne ich an seiner Farbe)
Dennoch möchte ich ihn essen, denn ich erhoffe mir etwas.

Und so geschieht es: Mein Mund leuchtet.

Ich warte, bis die Eulen schlafen.
Dann fliege ich hinaus zu den Stränden 
und nehme Platz auf einem Fels in der Bucht.

Hier werden sich meine Augen an den Wind schmiegen,
bis ich zur Schwelle zurückkehre.

Dienstag, 4. September 2018

Kamerafahrt


Heute liebkose ich die Brandung
in einer Nebenstraße –
und gehe weiter zu dem Uhrwerk,
das sich aus Monden speist.

Jetzt wird es hell in diesem Bild –
und ich sehe zahllose Bauten auf Lichtquadraten.

Hier wächst eine Lichtung.

Mit einem gläsernen Fahrstuhl
fahre ich an ihren höchsten Punkt –
und blicke auf eine Landschaft,
in der gerade ein Kino Wurzeln schlägt.