Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Sonntag, 24. November 2019

Transversalebene


Manchertags befragen wir die Bücher –

und kommen belesen durch die Nacht.

Wir zählen dann drei Augen in unseren Gesichtern.

Eines erinnert an einen Kiesel –

und blickt bis in die Steinzeit zurück.

Die beiden anderen gleichen Zierpflanzen.

Die Bücher sagen, es seien Zeitlosengewächse.

In unseren Gesichtern tragen wir sie wie Delikatessen.

Einige sind umrahmt von Holz, andere geschützt hinter Glas.

Schon tagt es.

Die Bücher leeren sich – und auch die Pflanzen ziehen sich zurück.

Wir sind jetzt in einer Wüstenlandschaft.

Darin ein Haus, das wir als Vorboten der Stadt lesen.


Dienstag, 12. November 2019

Skizzenbuch


Vielleicht liebt es mich.



Es pflanzt sich aus –

auf den Böden ringsum,

die auch langsam näher kommen.



Es ruft aus ihnen.

Ich höre das Playback der Umgehungsstraße.

Und wieder sind da Synchronspringer auf den Brücken.



Diese Landschaft ist ohne Wände,

sodass die übliche Melodie sich hier gar nicht halten kann.



In meinen Augen strömt es.

Und in meinem Mund sammele ich die Bitterstoffe,

die die Bilder absondern.



Die Bäume ringsum sind aus Kunstharz.

(ich glaube, meine Hände sind es auch)

Und ihre Wipfel schmückt ein Aquamarin,

der unaufhörlich wächst.



Die Lichter der Stadt wechseln die Seite.

Sie sind jetzt hier, wo sich alles auspflanzt –

und nach Liebe riecht.


Dienstag, 5. November 2019

Bewegung III


Die Nachricht erscheint in gläserner Schrift.

Und man erwidert etwas, das auf ein Kastell verweist.



Ich hatte das Bauwerk längst vergessen –

und es durch eine Kugel ersetzt.



Seitdem es zurück ist, kleide ich mich anders.

In Schiefer gehüllt, stehe ich auf der Aussichtsterrasse –

und rufe Freundschaft ins Tal.

(ein Wort, das ich hier oben in meiner Erinnerung finde)



Es ist, wie es sein wird, wenn ich meine Entwürfe für die kommenden Tage mache.

Ich gärtnere in einer Anlage aus abgelegten Wörtern und Handlungen –

bis ich schließlich mehrere Objekte herausgreife, denen die Luft ringsum Leben einhaucht.

Mittwoch, 23. Oktober 2019

MONO


Du sprichst anders. Deine Zunge ist eigentlich fünfsprachig. Auf unserem Weg ins Tal jedoch kommt dir nur dieses eine Wort über die Lippen: Manchmal.

Mein Ohr schmerzt bereits. Ich wende mich ab. Und nehme den anderen Pfad. Manchmal tönt es auch hier. Manchmal hallt das Echo nach. Manchmal holt es mich ein.

Unten am Bach treffen unsere Wege wieder aufeinander. Du sagst es noch immer. Ich sehe dich an. Dir sind Zähne gewachsen. Du zerkaust alles. Du sprichst anders. Ich sagte es ja.

Und in deinem Mund verschwindet die Welt.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Lesung mit Orla Wolf

Lesung mit Orla Wolf und sechs weiteren Autor*innen im Literaturhaus Berlin


Termin: 23. Oktober 2019, 20 Uhr


Ort: Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, 10719 Berlin.


Veranstalter: Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS)

Mittwoch, 18. September 2019

Zeitstrom II

Vor dem Fenster wartet die Zeit.
Meistens geht sie dort auf und ab.
Manchmal verschwindet sie auch kurz in der Landschaft -
und kommt dann zurück.

Ihre Haut ist vernarbt und wettergegerbt.

Hier in meinem Turm bin ich sicher vor ihr
(und sie vor mir).
Mich ängstigt der Gedanke, irgendwann nach draußen zu müssen.
Aber der Tag wird kommen, an dem meine Vorräte zur Neige gehen.

Und noch etwas kündigt sich an:
Ich werde nackt sein.
Denn ich bin mit Stunden bekleidet, die sich langsam abnutzen.
Unterdessen zieht die Zeit weiter ihre erdige Bahn -
und trägt sich dabei selbst ab – Schicht um Schicht.

Heute habe ich Stoff in die Fenster gehängt.
Vielleicht kann ich so die Blicke der Zeit abhalten -
und mich auf den Leitern im Turm frei und unbeobachtet bewegen.

Aber schon strömt sie bis an die untere Sprosse.

Donnerstag, 12. September 2019

Auf der Allee

Ich bin jetzt zahm.
Die Vögel füttern mich.
Sie geben mir das, was ich mag.
Und ich gebe Zeichen,
von denen ich nicht weiß, ob sie verstanden werden.

Um mich herum ist alles nackt (so jedenfalls scheint es von hier).
Das, was von Zeit zu Zeit an mir vorbei galoppiert,
hat weder Fell noch Haar.
Seine Haut ist glatt und hell.
Und jetzt bemerke ich, dass sie durchsichtig ist.
Ich kann die Knochen dieses Körpers sehen.
Sie sind ganz verwinkelt angeordnet.

Es scheint mehrere Routen zu geben,
für die das Tier unterschiedlich viel Zeit benötigt.
Oder es ist der wechselnde Wind,
der es mal schneller, mal langsamer an mir vorbeiziehen lässt.

Während es seine Runden läuft, schlafe ich.
Aber seine Hufe wecken mich jedes Mal,
wenn es wieder auf meiner Höhe ist.

Unter mir ist es sandig.
Und ich sinke ein wenig ein, wenn ich mich bewege.

An zwei Stellen ringsum hat man Leitern angebracht.
Mein Blick wandert die Sprossen empor.
Aber mich ängstigt der Farn,
den ich dort oben vermute.
Und mit seinem Widerhall kleide ich meine Augen aus.