Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Dienstag, 22. Januar 2019

Reisende (II)


In der Halle ziehe ich einen Vorhang zurück.
Auf der Wand dahinter fließt Wasser.
Ich schaue durch deckenhohe Fenster.
Draußen tagt es bereits.

Ich gehe auf die hintere Wand zu und trinke.
Das Wasser schmeckt leicht bitter –
nach Holz und Mohn.
Es erinnert mich an das Aroma des Blutmondes,
das ich gestern gekostet habe.

Mich zieht es hinaus.
Hier ist ein Garten.
In seinem Inneren steht eine Uhr.
Es ist kurz nach vier.
Und ich gehe weiter.

Ich möchte jetzt Dunkles sagen –
in den Rhododendrontälern,
die ich durchwandere.

Kurz bleibe ich stehen –
und berühre mein Gesicht.
Es hat die Maserung einer Eibe.

Auf einer Anhöhe setze ich mich auf eine Steinbank.
Ich betrachte den Garten.
Derweil wachsen mir Narzissen aus dem Mund,
die ich dann pflücke.

Ich werde später Vasen suchen und sie in die Halle stellen.

Im Innenraum meiner Ohren zeigt sich jetzt ein Eingang.
Ich gehe darauf zu.

Schon bin ich wieder in den Tiefen des Hauses,
aus denen ich kam.

Samstag, 19. Januar 2019

Tastempfindung


Wir wohnen jetzt hinter der Rinde der Kastanie –
und sind hier in der Obhut der Eulen.

Mit ihren Blicken verwandeln sie die Lichtung vor uns
in zuckrige Felder, auf denen gläserne Insekten leben.

Es ist ein besonderes Geräusch,
das ihrem Gang über die Flächen entspringt.

An sonnigen Tagen lassen die Eulen etwas durchscheinen,
das sich unter ihrem Gefieder befindet.
Sie lassen uns raten, was es ist.
Als einen Hinweis zeigt man uns Versteinerungen von Wirbeltieren.

Wir gleiten mit unseren Fingerkuppen darüber –
und erhalten eine Antwort.
Unter dem Gefieder der Eulen sind die Archive dieses Waldes versteckt.

Schon wachsen uns seltene Fische und Korallen zwischen den Fingern.
Die Eulen nicken uns zu.
Wir berühren den Boden und spüren darunter Wasserwellen –
von ganz fern.

Später zeigt man uns Aufzeichnungen von einem untergegangenen Meer.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Neuronen


Weiträumig trifft das Echo der Hieroglyphen mein Gesicht.
Es ist auch der Widerhall eines Wasservogels darunter.

Er schmeckt süß.

Und ich speise seine Töne in eine Jukebox ein.
Von dort steigen sie auf in den bewölkten Himmel.

Wenn ich später nach oben schaue,
werden sie als Himmelskörper durchscheinen.

Sonntag, 13. Januar 2019

Phase (II)


Ich habe jetzt Kiemen
und durchtauche den Raum,
bis ich die inneren Planeten erreiche.

Sie erinnern mich an Gondeln.
Schon steige ich ein.

Während ich auf der vorderen Bank sitze,
(sie ist aus Nussbaum)
betrachte ich meine Hände und Arme.
Ihre Haut gleicht jetzt der von Fischen.

Die Fahrt geht weiter.
Und die Gondel streift rote Federbüsche,
die am Ufer stehen.

An der nächsten Biegung wird die Strömung  stärker –
und es gibt hier kaum noch Pflanzen.
Im Vorbeifahren berühre ich eine welke Kamelie.
Meine Hand fühlt sich taub an.

Dann taucht im Wasser ein Teleskop auf.
Wir gehen vor Anker.
Ich blicke durch das Okular und sehe Lava –
und diese sogar in mehreren Sprachen.