Irgendwo hier im Zimmer klingelte ein
Telefon. Der Ton war mir unbekannt. Ich hörte ihn zum ersten Mal. Aber das
Gerät musste sich ganz in der Nähe befinden. Ich sah mich um. Stand auf. Ging
durch den Raum. Und tatsächlich: Auf der Fensterbank stand ein Telefon. Aus schwarzem Bakelit. Mit einer Wählscheibe.
Wie ich es aus Filmen kannte. Es klingelte weiter. Der Ton an sich war mir
nicht unangenehm. Aber ich war mir unschlüssig. Nachdem ich es noch vier weitere
Male hatte klingeln lassen, nahm ich schließlich ab. Ich sagte nichts. Und
lauschte. Es war ganz still. Am anderen Ende. Aber ich wusste, dass dort etwas
war. Und dann hörte ich ein kriechendes Geräusch. Da kam etwas durch die Leitung.
Auf mich zu. Ich legte den Hörer auf die
Fensterbank. Und wich zurück. Und obwohl ich nun einigen Abstand zum Hörer
hatte, konnte ich das Geräusch noch deutlich hören. Dann bewegte sich der
untere Teil des Hörers. Ich wusste, dass sich die Sprechmuschel abdrehen ließ.
Dass es ein Gewinde gab. Und genau das drehte sich. Bis das Bakelit-Gehäuse
schließlich abfiel. Es sah jetzt aus wie ein kleines Sieb, das dort auf
Fensterbank lag. Neben dem Hörer. Und aus dem Hörer selbst fiel nun etwas
Metallisches heraus. Eine Kapsel. Die in etwa die Größe meiner Hand hatte. Sie
lag ganz ruhig da. Auf der Fensterbank. Neben dem Hörer. Und ich nahm die
Kapsel. Die auch ein Schraubgewinde hatte. In ihrer Mitte. Und schraubte sie auf.
Darin befand sich ein Stück Papier. Es war eingerollt. Wie eine Flaschenpost.
Und ich nahm es heraus. Und rollte es auf. Es war beschrieben. Ich las, was
dort stand. Dann schraubte ich die Sprechmuschel wieder an. Und wählte die
Nummer. Die auf dem Papier stand. Jemand nahm ab. Und ich ging. In die Leitung.
Freitag, 12. August 2016
Dienstag, 9. August 2016
Faltungen
Als ich den Park betrat, war alles gefaltet.
Die Bäume. Die Blumenbeete. Der Teich. Die Wiese. Und auch die Enten. Alles
schien wohlauf. Ich lauschte den Blättern im Wind. Ich vernahm, wie etwas über
die Wiese lief. Ich hörte das Schnattern der Enten. Und roch die Blumen. Es war
ein süßlicher Duft. Und all das, der ganze Park, stand gefaltet vor mir. In einzelnen Stapeln. Die nach Farben geordnet
waren. Dort, wo sonst der Park war, war jetzt eine Senke. Alles war grau. Und
sah sehr nackt aus. Und auch glatt. Wie kahler Fels. Ich betrachtete die
Stapel. Nahm etwas Grüngefaltetes heraus. Und begann, es auseinanderzufalten. Ich
sah mir an, wie es geschnitten war, wie die Form war und wo es hineinpassen
könnte. In die Senke. Wo einst der Park war. Und so fing ich an, mit diesem
Grün die Senke auszulegen. Und dann vertauschte ich die Stapel. Und ich nahm das
Rot der Blumen als Wiese. Das Blau des Sees als Bäume. Das Grün der Bäume wurde
der See. Und die farbenfrohen Enten waren nun Blumen. Und ich beschloss, eine mit
nach Hause zu nehmen. Bevor ich ging, sah ich mich um. In der neu
ausgekleideten Senke. Und mir gefiel der Park. Und ich fühlte mich wohl darin. Als
ich zurück kam zu meinem Haus, sah ich, dass auch hier alles gefaltet war. Das
Haus. Der Gehweg. Die Straße. Der Vorgarten. Und es war auch alles aufeinander
gelegt. Und nach Farben gestapelt. Auch hier zeigte sich jetzt eine graue Senke.
Wie im Park. Und auch hier nahm ich etwas aus den Stapeln. Und so wurde das
Haus der Gehweg. Der Gehweg der Vorgarten. Der Vorgarten die Straße. Und die
Straße das Haus. Ich überlegte jetzt, wo die Stapel herkamen. Wer sie
anordnete. Da ich aber nie (weder im Park noch auf der Straße noch in meinem
Haus) jemandem begegnete, schloss ich daraus, dass es von mir ausging. Und ich
durchsuchte das Haus, um den Stapel meiner selbst zu finden.
Sonntag, 7. August 2016
Pfad in der Stunde des Nebels
Das war eine besondere Landschaft. Eine
flächige Landschaft. Sehr weit. An deren Horizont ich von hier aus nichts erkennen
konnte. Ich wusste jedoch, dass es mit dieser Landschaft etwas Besonderes auf
sich hatte. Es gab einmal am Tag eine Stunde, wo in ihr Nebel aufkam. Der Zeitpunkt
ließ sich nicht voraussagen. Wenn der Nebel nachts kam, wurde es hell. In
dieser Stunde. Sodass man ihn sah. Und während dieser Stunde des Nebels gab es
einen Fußpfad. Der sich dann zeigte. Und man konnte dann gehen. Auf ihm. Abseits
des Pfads verirrte man sich. In den Weiten der Landschaft. So erzählte man
sich. Es empfahl sich, einen Rucksack mit hier hinaus zu nehmen, der
ausreichend Proviant bereithielt. Niemand wusste, wann genau der Nebel kam. Und
mit ihm der Fußpfad. Ich hatte in einer Hütte in der Nähe der Landschaft
übernachtet. Und machte mich schon sehr früh bei Sonnenaufgang auf, um das
Gelände zu betreten. Ich lief zunächst ein wenig umher. Die Landschaft schien
keinen Anfang und kein Ende zu haben. Keine Begrenzungen. Denn sobald man sie
betrat, verschwand auch all das, woher man kam. Und so hatte ich schon jetzt
keine Orientierung mehr, in welcher Richtung sich eigentlich die Hütte befand.
In der ich auch noch eine weitere Nacht übernachten wollte, nachdem ich den
Fußpfad in der Stunde des Nebels beschritten hatte. Die Landschaft war
vollkommen leer. Es gab nichts in ihr, woran sich die Augen, der Blick
festhalten konnten. Und er verlor sich. Und verstreute sich. Diese Landschaft
war eine riesige Zerstreuung. Weil sie keinen Ankerpunkt, keinen Fixpunkt bot.
Und nach einigen Stunden hier draußen wünschte ich mir einen
Grasbüschel, einen Kieselstein oder einfach einen Vogel, der die Landschaft
überflog. All das gab es nicht. All das trat nicht ein. Also verdichtete sich
die Landschaft für mich immer mehr zu einem Vakuum. Einerseits hatte ich das
Gefühl, unendlich viel Raum zu haben. Und auf der anderen Seite war das eine
Dimension, die mich so sehr in sich aufnahm, dass sie drohte, mich zu
verschlucken. Und so setzte ich meine Hoffnung von Stunde zu Stunde stärker und
verstärkt auf den Nebel, der hoffentlich bald auftreten würde. Und als er kam,
war es, als würde sich eine Kammer füllen. Er umschloss mich. Und war dann so
dicht, dass ich nichts mehr um mich herum erkennen konnte. Ich fühlte mich wie
in eine Form gepresst. Die mich gleichmäßig von allen Seiten drückte. Und
bedrückte. Und ich hoffte, dass der Pfad bald auftauchen würde. Denn dies hier
(der Nebel und wie er auf mich einwirkte) war kaum auszuhalten. Dann erschien
der Pfad. Der nicht sehr breit war. Er war rechts und links mit einem
Leuchtband markiert. Das strahlte. Wie Phosphor. Und ich ging weiter. Auf ihm. Weiter
voran. Auf dem Pfad. Und überlegte, was wohl kommen würde. Worauf er hinauslief.
Und was ich mir wünschte. Wenn ich das könnte. Mir wünschen, was dort am Ende
des Pfades sein würde. Und als der Pfad endete, stand dort etwas. Das sich mir
hier anders zeigte. Sodass ich es erkannte. Und ich schätzte mich
glücklich.
Freitag, 5. August 2016
Standort
Ich
dachte, neben einem Elektrizitätswerk zu wohnen. Ein grauer Kubus, der sich
über den gesamten Block erstreckte. Und alle anderen Gebäude in der Umgebung
bei weitem überragte. Als ich heute einen Spaziergang machte, fiel mir zum
ersten Mal die Umzäunung auf dem Dach auf. Und dann sah ich, wie von dort oben
ein Flugzeug abhob. Ich blieb stehen. Kurze Zeit später setzte eine andere Maschine
zur Landung an. Jetzt fiel mir auf, dass vor dem Tor, wo doch sonst die
Fahrzeuge der Elektrizitätsgesellschaft ein und aus fuhren, Taxis standen. Sie
waren jedoch nicht weiß, wie ich es sonst von hier kannte, sondern gelb. Eine
Automatiktür öffnete sich und zahlreiche Menschen verließen das Gebäude. Viele
trugen Koffer oder Taschen, und einige hatten Tüten eines Duty-free-Shops dabei.
Ich beschloss, das Gebäude, in dessen Nachbarschaft ich nun schon seit mehreren
Jahren wohnte, zu betreten. Dann stand ich in einer Schalterhalle. Das war
tatsächlich ein Flughafen. Schilder wiesen den Weg zu den Terminals. Es gab A,
B und C. Also musste die ganze Anlage hier sehr weitläufig sein. Als nächstes
betrachtete ich die Anzeigetafeln, um mich über Ankünfte und Abflüge zu
informieren. Mir war keine der Destinationen bekannt. Nun ging ich in Richtung
Check-in-Schalter. Auch die Namen der Fluggesellschaften las ich zum ersten
Mal. Schräg gegenüber befanden sich die Ticketschalter. Ich wählte die Airline
mit den schönsten Farben und ging zum Counter. Dort hing eine Liste mit den
Flugzielen. Dahinter der Preis. Alle Flüge kosteten 20. Nur das Zeichen
dahinter sagte mir nichts. Also schien die Bezahlung hier in einer anderen
Währung zu erfolgen. Der Mitarbeiter sah mich freundlich an. „Würden Sie mir A
oder B empfehlen?“, fragte ich ihn. „Egal, wohin Sie fliegen – Sie landen hier.“
Donnerstag, 4. August 2016
Eine Weise der Ortsveränderung
Es war an der Zeit, mich an einen neuen Ort
zu begeben. Ich kannte dieses Gefühl – war ich doch schon oft umgezogen. Dem
voraus ging stets ein schleichender Prozess. Den ich zunächst gar nicht
wahrnahm. Irgendwann stand dann die Gewissheit im Raum: Nicht mehr am richtigen
Ort zu sein. Und damit ging auch der Entschluss einher: Ich ziehe weiter. Von
Umzug zu Umzug hatte ich meinen Hausrat verkleinert. So konnte ich die Dinge
einfach verstauen und leicht transportieren. Mir gefiel diese Reduktion auf das
für mich Wesentliche. Ich hielt das für eine Kunst. Die ich im Laufe der Jahre
immer mehr verfeinert hatte. So behielt ich einige Bücher, die mich schon lange
begleiteten. Und die ich wieder und wieder las. Und neu las. Und die sich mir jedes
Mal anders zeigten. Von anderen Seiten. Ganz wortwörtlich. Als veränderten auch
sie sich. Um sich dann wieder neu auszurichten. Sodass ich sie neu entdecken
konnte. Und auch mich neu fand. In ihnen. Dann waren da ein paar
Kleidungsstücke. Einige Küchenutensilien. Eine Schlafliege. Ein Tisch. Und ein
Stuhl. Und zwei kleinere Kisten. In denen ich persönliche Gegenstände
verwahrte. Fotografien. Briefe. Notizhefte. Und eine Mineraliensammlung. Ich hatte
beschlossen, von der Stadt aufs Land zu ziehen. Die Stadt wurde mir zunehmend zu
einem unwirtlichen Ort. Der mich ablenkte. Von mir. Und meiner Arbeit. Und der
mich nicht mehr trug. Der neue Ort, an den es mich zog, lag in einer
wasserreichen Landschaft mit vielen Seen. Durch das Dorf floss ein Fluss. Ich hatte gehört, dass es
sich hier vortrefflich baden ließe. Und es wurde nachts sehr dunkel. Dort. Es
war der dunkelste Ort. Ich werde in einem Sternenpark leben. Und die
Milchstraße mit bloßem Auge betrachten können. Auf alten Karten entdeckte ich
dann eine unterirdische Verbindung. Zwischen dem alten Ort. Und dem neuen. Dort
draußen. Im Norden. Weitab der Stadt. Beide Orte lagen in einer Moränenlandschaft.
Unterirdisch verlief ein Tunneltal. Und darin floss ein Strom. Ein Urstrom. Der
die Orte verband. Und so kam mir die Idee, diese Verbindung zu nutzen. Ich grub
ein Loch. Auf einer Wiese. Mitten in der Stadt. Die Karte zeigte mir, dass hier
der Urstrom verlief. Ich hatte die Gegenstände, das, was mit mir umziehen
sollte, wasserdicht verpackt. Alles stand neben mir. Auf der Wiese. Gut verschnürt
in Planen. Und ich hatte den Bestimmungsort darauf geschrieben. In großen
Lettern. Aber ich hatte ihn auch hineingesprochen. In die Pakete. In die
Gegenstände. Bevor ich sie verpackte. Sodass ich mir sicher war, dass meine
Stimme nachklang. Weiterklang. Das dort ein Echo war. In den Paketen. Und dass
sie mit dieser Resonanz ihren Bestimmungsort fanden. So versenkte ich die
Pakete. Im Loch. Das ich gegraben hatte. Und machte mich dann selbst auf den
Weg. An den neuen Ort. Und tatsächlich: Sie hatten ihren Bestimmungsort
erreicht. Und lagen wohlverschnürt und vollzählig am Ufer des Flusses. Ich trug
sie in mein neues Zuhause. Und packte sie aus. Sie klangen nach. Und erzählten
mir. Von ihrer Reise. Durch den Urstrom. Was sie unterwegs hörten. Und sahen. Und
ich schrieb ihre Geschichten auf. Es war jetzt schon spät. Und ich war
plötzlich sehr müde. Mein Bett jedoch wollte zurück. In das Bett des Flusses. Ich
trug es dorthin. Durch die sternklare Nacht. Und dort schläft es. Seither.
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