Orla Wolf

Orla Wolf
zuckerauge: ISSN 2569-9458

Sonntag, 24. Dezember 2017

Unruhige Wand



An einem Tisch sitzen.
Aufzeichnungen machen.
Den Kopf heben.

Die Wand ansehen.
Das ist eine Wand.
Ruhig und fest.

Doch dann beginnt sie zu zittern.
Leicht erst.
Dann immer stärker.

Ich stehe auf.
Und trete ein paar Schritte zurück.

Oberhalb des Tisches zeigt sich ein Riss.
Auf der Wand.
Der immer größer wird.

Ein klaffender Spalt.

Jetzt höre ich Geräusche.
Ein Schmatzen und Kauen.

Das ist der Mund des Zimmers.
Denke ich.

Und füttere ihn.
Mit Papier. Und Datteln.

Freitag, 22. Dezember 2017

Aus Lettern



Aus dem M treten schwimmende Berge hervor.
Sie bewegen sich auf das U zu.

Es regnet. Bei ihrer Kollision.
S, K, E und L fallen herab.
Auf den Asphalt.

Wo sie sich aufeinander zubewegen.
Sich zusammenschließen.
Muskel werden.

Der die Zeichen stärkt.
Die Wörter hält.
Von innen.

Montag, 18. Dezember 2017

Raumschrift



Erde beiseiteräumen.
Mit bloßen Händen.
Eine Nacht lang.
Bis Sonnenaufgang.

Dann auf eine Randschicht stoßen.
(nicht wissen, von was)
Alles abklopfen.
Und eine Tür freilegen.

Sie öffnet. Von selbst.

Den dahinterliegenden Raum betreten.
Die Wände, die Decke und auch der Boden
sind mit Zeichen tapeziert.

Es sind Buchstaben.
Die ihre Position verändern.
Und sich neu anordnen.

Ich lese.
Etwas verknüpft sich mit mir.
In mir.

Ich sehe nach unten.
Auf den Boden.
Dort steht ein Satz:

Ich bin der Satz vom Grunde.

Hinter dem Spiegel



Der Spiegel bricht.
Beim ersten Blick.

Vor meinen Füßen jetzt
unzählige Scherben.

Hinter dem Spiegel:
Ein Gang.
Getaucht in weißes Licht.

Es ist kalt hier.
Es wird immer kälter.

Der Gang führt mich
in eine Stadt.
Die ganz still daliegt.

Ich höre nur ihr Atmen.

Dann sehe ich Münder.
Viele Münder.
In den Straßen. Auf den Plätzen. Vor den Häusern.

Es sind gefrorene Münder.
Sie sprechen kristallin.
Ganz hoch ihr Ton.

Bei dem ich zerspringe.